Marianne Faithfull ist gestorben!
1946–2025
Es war ein von Erfolgen und Abstürzen gekennzeichnetes Leben für den Rock ’n’ Roll, sie war Stilikone, Muse, Junkie – sowie gefeierte Sängerin, Schauspielerin und Diva. Nun ist Marianne Faithfull im Alter von 78 Jahren in London gestorben, wie ihre Sprecherin zunächst der BBC bestätigte. Sie sei am Donnerstag in London in Anwesenheit ihrer Familie friedlich verstorben: „Sie wird schmerzlich vermisst werden.“
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Die Single „As Tears Go By“ machte die gebürtige Londonerin 1964 im Alter von 17 Jahren berühmt. Der damalige Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham entdeckte den Teenager auf einer Party und sah Starpotenzial. Oldham ließ die Sängerin die von Mick Jagger und Keith Richards geschriebene melancholische Ballade aufnehmen – die erste von mehreren Hitsingles.
Auch privat ging alles schnell: Ihre 1965 geschlossene Ehe mit John Dunbar hielt nur kurz. Rasch wurde sie zu einem der Gesichter des Swinging London. Nicht ihre Musik, sondern die Beziehung zu Jagger bestimmte fortan die Berichterstattung über sie. Zum Wendepunkt wurde die berüchtigte Razzia im Haus von Richards im Februar 1967: „Nacktes Mädchen auf Stones-Party“ lautete die Schlagzeile des „Evening Standard“.
„Es hat mich kaputtgemacht“, schrieb sie später in ihrer Autobiografie. „Wenn man als Mann drogenabhängig ist und sich so benimmt, gilt das immer als aufwertend und glamourös. Eine Frau in so einer Situation wird als Schlampe und schlechte Mutter betrachtet.“
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AP/Peter Kemp Faithfull an der Seite von Mick Jagger 1969
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AP/Frank Leonard Tewkesbury Auf der Bühne mit Avril Elgar, Glenda Jackson, George Cole und Alan Webb in Tschechows „Drei Schwestern“ im Jahr 1967 picturedesk.com/Roger Viollet An der Seite von Alain Delon spielte sie 1968 „The Girl on a Motorcycle“ IMAGO/Photo12/Ilse Ruppert Faithfull bei einem Konzert 1980 in Hamburg ORF/Ali Schafler Eröffnung der Wiener Festwochen 2005 mit Chaka Khan, Nina Hagen, Marianne Faithfull und Omara Portuondo picturedesk.com/Herbert P. Oczeret Faithfull 2014 im Wiener Konzerthaus
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Ihr Drogenkonsum geriet außer Kontrolle, sie wurde erst abhängig von Kokain, dann von Heroin. Nach einer Überdosis Schlaftabletten lag sie mehrere Tage im Koma. Sie verlor das Sorgerecht für ihren Sohn mit Dunbar und lebte fast zwei Jahre auf der Straße. „Es war genau das, was ich damals brauchte, es war komplette Anonymität. Ich wollte verschwinden. Ich wollte raus aus dieser Welt“, sagte sie über diese Zeit dem „Guardian“.
1979 meldete sich Faithfull zurück. Immer noch drogenabhängig nahm sie das Album „Broken English“ auf – mit heiserer, tieferer Stimme, die zu ihrem Markenzeichen wurde. Als Faithfull nach Jahren endlich clean war, folgte mit „Strange Weather“ (1987) ein großartiges Comebackalbum mit dem Hit „The Ballad of Lucy Jordan“.
Anfang der 1990er Jahre feierte sie auch auf der Leinwand Erfolge, nachdem sie bereits in den 60ern und 70ern auf der Bühne, im Fernsehen und im Kino als Schauspielerin überzeugt hatte. In den 90ern reüssierte sie als Kurt-Weill-Interpretin, in der Tragikomödie „Irina Palm“ (2007) glänzte sie als Charakterdarstellerin.
Rund um 2000 wurden die Alben von Faithfull zunehmend autobiografisch, sie präsentierte sich als Grande Dame der Musik – mit prominenter Unterstützung an ihrer Seite. Für „Kissin Time“ arbeitete sie mit Damon Albarn (Blur), Billy Corgan (Smashing Pumpkins) und Beck zusammen. Jarvis Cocker (Pulp) steuerte den Song „Sliding Through Life on Charm“ bei. Beim Nachfolger „Before the Poison“ waren vor allem PJ Harvey und Nick Cave mit von der Partie. Auf „Easy Come, Easy Go“ folgten Coverversionen mit prominenten Duettpartnern. Ihr letztes Album, „She Walks in Beauty“, erschien 2021.
Immer wieder war Faithfull in dieser Zeit auf ausgedehnten Touren – und dabei auch in Österreich live zu sehen, etwa 2005 bei der Eröffnung der Wiener Festwochen auf dem Rathausplatz, 2009 in der Staatsoper und 2014 im Wiener Konzerthaus. Mit Österreich verband Faithfull auch die Herkunft ihrer Mutter: Eva von Sacher-Masoch, eine Großnichte von Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, lebte ab 1918 in Wien, wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Mann, den britischen Geheimdienstler Robert Glynn Faithfull, kennenlernte.
Auch in ihrem zweiten Karrierefrühling musste Faithfull immer wieder gesundheitliche Rückschlägen hinnehmen. 2004 brach sie auf einer Tournee erschöpft zusammen, 2006 wurde Brustkrebs diagnostiziert und erfolgreich operiert, 2007 machte sie eine Hepatitis-C-Infektion öffentlich. Ein Jahr später musste sie erneut eine Tour wegen Erschöpfung abbrechen. 2014 brach sie sich ihre Hüfte. 2020 musste sie wegen einer Coronavirus-Infektion – von der sie sich nie wieder vollständig erholte – wochenlang ins Krankenhaus.
Im Dezember 2023 wurde verkündet, dass etliche Stars wie Iggy Pop, Cat Power und Shirley Manson ein Tribute-Album für Faithfull aufnehmen, dessen Einnahmen sie angesichts steigender Gesundheitskosten unterstützen sollten. Zu diesem Zeitpunkt lebte Faithfull bereits in einem Pflegeheim in London.